Ein Blick, ein Handzeichen: Was fast 20 Jahre A2 mit einer Mannschaft machen
Rückblick Festkommers: Wenn es ernst wird – fast 20 Jahre A2
Es gibt Einsatzstellen, die kommen wieder. Für die Feuerwehr Lehrte ist das ein knapper Abschnitt der A2 zwischen dem Autobahnkreuz Hannover-Ost und Hämelerwald. Seit 2006 fährt die Wehr dort immer wieder zu schweren Lastwagenunfällen heraus – nicht jedes Jahr gleich schwer, aber verlässlich genug, dass die A2 zu einem eigenen Kapitel in der Geschichte dieser Feuerwehr geworden ist.
Beim Festkommers am 29. August im Kurt-Hirschfeld-Forum bekam dieses Kapitel einen eigenen Themenblock. Ortsbrandmeister Marc Wilhelms, sein Stellvertreter Stephan Keil, Silvio Fraterrigo und Olaf Peters erzählten im Gespräch mit Gruppenführerin Sabrina Meine-Marnitz davon. Es war der stillste Block des Nachmittags.
10. September 2007
Kurz nach 17 Uhr gingen an diesem Montag die Meldeempfänger von rund 60 Lehrter Feuerwehrleuten. Am Kreuz Hannover-Ost waren vier Lastwagen ineinandergefahren, das Trümmerfeld zog sich über alle Fahrspuren. Das Führerhaus des hinteren Lastwagens steckte in der Rückwand des vorderen Aufliegers, auf rund 50 Zentimeter zusammengedrückt. Der Fahrer war darin eingeklemmt.
Was folgte, war Improvisation unter Zeitdruck. Um überhaupt an den Mann heranzukommen, schnitten die Einsatzkräfte die Plane des Aufliegers auf, luden die Ladung aus und arbeiteten sich von vorn durch den Laderaum bis zur Rückwand vor. Mit dem Motortrennschleifer entstand eine Öffnung im Blech, durch die der Notarzt eine Infusion legen konnte. Bevor ein Kran die verkeilten Fahrzeuge trennen durfte, musste das Fahrerhaus mit Spanngurten gesichert werden, damit es nicht auf die Fahrbahn kippte. Erst danach kamen die hydraulischen Rettungsgeräte zum Einsatz. Nach rund einer Stunde war der Fahrer befreit.
Im Einsatz waren 32 Kräfte aus Lehrte, 13 von der Berufsfeuerwehr Hannover, ein Rettungshubschrauber und die Autobahnpolizei. Am nächsten Tag erfuhr die Mannschaft, dass der Fahrer im Krankenhaus gestorben war.
„Wenn das Chaos Alltag wird“
Der schwerste Einsatz der Serie war es nicht zwangsläufig – davon gab es mehrere. Dass gerade dieser Tag bis heute nachwirkt, hat einen anderen Grund. Die Hannoversche Allgemeine Zeitung nahm ihn zum Ausgangspunkt einer großen Reportage: „Wenn das Chaos Alltag wird“ von Sonja Fröhlich, landesweit erschienen, mit Stephan Keil, Carsten Rohland und Stephan Mädje im Mittelpunkt.
Die Reportage zeichnet das Bild einer Wehr, die an der Autobahn längst im Dauereinsatz ist: rund 250 Einsätze im Jahr, etwa ein Viertel davon auf der A2, allein im Monat zuvor fünf schwere Lkw-Unfälle. Dazu eine Dauerbaustelle, Staus, fehlende Rettungsgassen und Schaulustige. Und Menschen, die das neben ihrem eigentlichen Leben stemmen. Als der Alarm kam, saß Stephan Keil, damals angehender Bauingenieur, über einem Referat. Carsten Rohland half seinen Kindern bei den Hausaufgaben – nachts fuhr er für eine Bäckerei. Stephan Mädje prüfte als Gerätewart gerade die Ausrüstung. Zehn Minuten später standen alle drei an der Einsatzstelle.
Keil war damals 24. Über das Ehrenamt, das man oft verflucht und trotzdem liebt, sagte er der HAZ: „Ich könnte nicht mehr davon loskommen.“ Knapp 19 Jahre später saß er beim Festkommers als stellvertretender Ortsbrandmeister auf der Bühne.
Was nach diesem Artikel kam, hatte niemand geplant. In den folgenden Jahren häuften sich die Medienanfragen – zu den A2-Einsätzen, bald aber auch zu allen möglichen anderen Themen rund um die Feuerwehr. Die Wehr entschied sich, diese Arbeit im Rahmen ihrer Möglichkeiten zu unterstützen, mit einer klaren Linie: Im Vordergrund steht der Einsatz, nicht die Selbstdarstellung. Es entstanden mehrere Fernsehbeiträge, eine Reportage von Spiegel TV und Anfragen bis hin zu den Verkehrssicherheitstagen des Innenministers.
Ein Blick reicht
Silvio Fraterrigo hat auf der Bühne über diese Einsätze gesprochen – und bemerkenswerterweise nicht über einen bestimmten. Für ihn ist der 10. September 2007 einer von vielen. Geblieben ist ihm etwas anderes: Die Mannschaft war so eingespielt, dass es kaum noch Absprachen brauchte. Ein Blick oder ein Handzeichen genügte, und jeder wusste, was zu tun war.
2007 titelte die Zeitung, das Chaos sei Alltag geworden. Fast zwei Jahrzehnte später beschreibt Silvio das Gegenteil von Chaos: Routine an einer Autobahn, an der nichts Routine ist.
Kein Einzelfall
Der 10. September 2007 ist weder Anfang noch Ende dieser Serie. 2009, 2010, 2013, 2015, 2018, 2019, 2022, 2023, 2025 und zuletzt gleich zweimal im Frühjahr 2026 – immer wieder die A2, immer wieder Lastwagen, immer wieder eingeklemmte Menschen. Mal ein Gefahrguteinsatz mit 2,5 Tonnen Natriumcyanid, mal ein Lastzug, der die Mittelleitplanke durchbricht, mal ein Tanklastzug, der drei Lkw ineinanderschiebt.
Aus dieser Dauerbelastung ist etwas geworden, das man von außen nicht sieht. Die Wehr hat ihre Abläufe für genau diese Einsätze umgebaut. Am verunfallten Lkw wird konsequent von zwei Seiten gleichzeitig gearbeitet – was voraussetzt, dass auf beiden Seiten Mannschaft und Gerät verfügbar sind. Deshalb rückt Lehrte heute mit einem Zwei-HLF-Konzept aus statt wie früher mit Rüstwagen und Tanklöschfahrzeug.
Wie sehr sich die Wehr seitdem verändert hat, zeigen die Zahlen aus der Reportage von damals. 2007 standen rund 60 Einsatzkräfte für etwa 250 Einsätze im Jahr bereit. Die Jugendfeuerwehr hatte 28 Mitglieder – der damalige Ortsbrandmeister Karl-Heinz Schlehuber hätte gern doppelt so viele gehabt. Heute sind es 85 Einsatzkräfte, 325 Einsätze im Jahr 2025, dazu 39 Mitglieder in der Jugendfeuerwehr und 38 in der Kinderfeuerwehr. Alles ehrenamtlich, neben Beruf und Familie.
Eine Bewerbung mit der ganzen A2
2016 schrieb der Fahrzeughersteller Magirus den Conrad Dietrich Magirus Award aus – eine Auszeichnung für das Feuerwehrteam des Jahres, vergeben ausschließlich unter Freiwilligen Feuerwehren.
Was die Arbeit auf der A2 ausmacht, lässt sich an einem einzelnen Einsatz kaum zeigen. Es ist die Summe vieler Einsätze über lange Zeit. Lehrte entschied sich deshalb, die Gesamtlage in den Mittelpunkt der Bewerbung zu stellen.
Dazu kam ein ganz praktisches Problem, von dem Stephan Keil auf der Bühne erzählte: Bei den eigenen Einsätzen hatte jeder eine Aufgabe, und niemand hatte Zeit, Fotos zu machen. Brauchbares Bildmaterial gab es kaum.
Bilder gab es dagegen von einem Einsatz am 12. April 2016 im Hämelerwalder Gebiet, an dem Lehrte unterstützend beteiligt war. Nach Rücksprache mit der Feuerwehr Hämelerwald diente er als Einstieg in die Bewerbung. Im Mittelpunkt stand aber die Lage auf der A2 im gesamten Bewerbungszeitraum: 35 Einsätze in elf Monaten, 51 beteiligte Lastwagen, 40 Verletzte.
Ausgezeichnet wurde damit auch eine Arbeit, die auf der A2 nie Sache einer einzelnen Wehr ist. Nachbarwehren, Berufsfeuerwehr Hannover, Rettungsdienst und Polizei gehören an dieser Einsatzstelle immer dazu.
Ulm, 27. Januar 2017
Am 27. Januar 2017 stand die Feuerwehr Lehrte im Congress Centrum Ulm vor mehr als 700 Gästen auf der Bühne. Feuerwehrteam des Jahres. Die goldene Statue steht heute in einer Vitrine im Saal des Feuerwehrhauses.
Zum Preis gehörte außerdem eine Reise nach New York zur Feuerwehr FDNY, die ein zehnköpfiges Team aus Lehrte antrat – darunter Stephan Keil und Olaf Peters, die beim Kommers beide auf der Bühne saßen.
Was man aus New York mitbringt
Die FDNY ist die zweitgrößte Feuerwehr der Welt, rund 12.000 Angehörige. Lehrte hat 174 Mitglieder, davon 85 in der Einsatzabteilung. Man könnte annehmen, dass zwischen diesen beiden Welten wenig Vergleichbares liegt.
Beeindruckt hat die Lehrter Delegation vor allem die Ausbildung: In New York gibt es für jedes Thema eine Möglichkeit, jede Fertigkeit lässt sich üben, und zwar mit einer Konsequenz, von der eine Freiwillige Feuerwehr nur lernen kann.
Mitgenommen haben die zehn aber auch eine kritische Beobachtung. Neben aller Professionalität steht dort ein großes Heldenepos – und eine Vorstellung von Härte, die falsch verstanden ist. Wer in Lehrte in den Einsatz fährt, tut das nicht, um ein Held zu sein, sondern weil jemand Hilfe braucht. Und wer nach einem schweren Einsatz reden will, soll das tun können, ohne dass es als Schwäche gilt. Bemerkenswert: Schon neben der HAZ-Reportage von 2007 stand ein Interview mit Friedrich Kanjahn, dem Koordinator der Notfallseelsorge – und seine wichtigste Botschaft war genau diese.
Was bleibt
Der Magirus Award ist in dieser Geschichte weder der Anfang noch der Zweck. Er steht am Ende von fast zwei Jahrzehnten, in denen eine Freiwillige Feuerwehr immer wieder zur selben Autobahn gefahren ist – und dabei besser geworden ist, weil sie es werden musste.
Die A2 ist damit nicht erledigt. Aber 2007 schrieb die HAZ über eine Wehr, für die das Chaos Alltag geworden war. 2026 erzählte dieselbe Wehr auf ihrer Jubiläumsbühne von einem Blick, der genügt. Wer wissen will, was 150 Jahre Freiwilligkeit in der Praxis bedeuten, findet die Antwort irgendwo dazwischen – auf diesen paar Kilometern Autobahn.
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